Dienstag, 11. märz 2008
Sie zerrt an mir, an den Augenlidern, allen Muskeln, Poren, an meinem Verstand, meiner Lunge.
Ich bin fertig.
So muss es sich anfühlen, wenn man stirbt. Man ist so müde und erschöpft, dass man einfach nicht mehr will. Es ist alles egal, überleben ist zu anstrengend. Man gibt auf.
Wann tritt dieser Punkt ein, an dem du im Leben resignierst? Oder gegen das Leben mit seinen Zumutungen und kleinen Sticheleien, um dich wach zu halten, weiter aufmerksam das Gewühle der Welt zu verfolgen? Wenn die Musik verklingt, die dich begleitet hat? Die Band einpackt, abbaut, ganz gewiss keine Zugabe mehr spielt. 
Schlafen, sich lösen im Grau, das langsam alles einhüllt, jede Pore füllt, den gleichgültigen Nebel in alles weht, das einmal Bedeutung hatte, Freude verschaffte, Lachen und Weinen in deine Welt setzte.
Vielleicht war mein Training heute einfach zu hart.
Oder zwei Abende hintereinander Geburtstagsgäste meiner Freundin zu bewirten, war zuviel.
Vielleicht bin ich auch einfach nur entsetzt. Es gibt so viele Gründe dafür: Wie schnell geht alles vorbei... Vor 4 Jahren lachte sie hier noch ihr helles, blondes Lachen. Dann liebte sie ihren Chef, verließ ihren Mann und starb letzte Woche an Krebs. Nun möchte der Exmann die Beerdigung mit einem Psychopharmakum überstehen; er will eine LMA-Tablette, sagte er. Nicht zuviel fühlen.
Aber ich muss weiterschreiben, am besten die ganze Nacht. Bis der letzte Gedanke aus dem Kopf gekehrt ist und die große Ruhe sich ausbreitet, die  jedem Sturm vorangehen soll. Oder dem Tod.
Ich fange an zu fragen. Vorläufig brauche ich keine Antworten. Antworten sind täuschender Trost. Man fragt nicht, um Antworten zu bekommen, sondern um zu fragen. Wenn es keine Fragen mehr gibt, ist alles zu Ende. Dann ist das Koan geknackt. Man kann gehen.
von sanfter-taenzer
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Sonntag, 24. februar 2008


Die Adern an ihren Unterarmen treten hervor, sehnig, kraftvoll. Wenn sie lacht, wirft sie den Kopf nach oben und macht sich größer. Wie ein Hahn, denke ich. Sie ist klein und kommt von dieser kleinen Insel, weit weg in der Karibik. Sie lacht und entblößt große, erotische Zähne.

Es gibt Frauen, die erotische Zähne haben. Viele finden es komisch, wenn ich das sage und lachen unsicher. Wenn es sexy Beine, dralle Schenkel und erotische Brüste gibt, warum sollte es nicht erotische Zähne geben können?

Eine meiner Freundinnen hatte einen schiefen Schneidezahn, den ich ungeheuer sexy fand. Wenn sie lachte, zog dieser Zahn meine Blicke unweigerlich an und ich liebte sie wieder mehr. Doch das war nicht genug; wir trennten uns trotzdem. Später sah ich sie wieder. Ein Lover hatte ihr eine Zahnkorrektur bezahlt. Der Reiz war weg, gähnende Regelmäßigkeit, sie war eine normal-langweilige Frau mit regelmäßigen Zähnen geworden. Sie trauerte einer Vergangenheit nach, die nie eine Zukunft hatte. Klagend schleppte sie sich durchs Leben, rauchte übermäßig und trank schon Mittag Weißwein. Später stürzte sie völlig ab und war mit jemand liiert, der sich selbst als schweren Alkoholiker bezeichnete. Und dann kam die Zeit, als sie nur noch verzweifelt war und vom Hausdach sprang. Ihr sind die Korrekturen nicht gelungen. Ich schreibe meine Autobiografie, hatte sie mir irgendwann erzählt. Vielleicht ist sie gesprungen, als es nichts mehr zu erzählen gab. Das Ende der Erzählungen mag das Ende des sinnvoll gelebten Lebens sein. Wenn es nichts mehr zu erzählen gibt, mag man nicht mehr leben. Und andere erzählen die Geschichte weiter – so wie jetzt ich.

Ich habe noch eine Menge Geschichten zu erzählen. Wie die von der kleinen Frau im braunen Tweed-Hosenanzug, die beim Lachen breite, sinnliche Lippen zurückzieht und große erotische Zähne entblößt. Das gilt nicht als schamlos. Und doch – jeder, der es sehen und spüren kann, weiß sofort, das ist Verlockung, das ist ein eindeutiges Angebot, darin steckt prallere Sinnlichkeit als in der sterilen Nacktheit von Models. Es gabe eine Zeit, da  beschrieb die heute vergessene Wendung „steiler Zahn“ eine scharfe Braut. Dieses Wissen ist vergessen worden. Es wird Zeit, dass wir uns daran erinnern. In den Zähnen steckt Kraft, Macht, Sinnlichkeit.

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von sanfter-taenzer
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Montag, 18. februar 2008
Sich zurückziehen in die Muschel, kleinen Schlitz offen lassen, ansonsten abducken und in der Strömung schaukeln. Man kann alles tun, verantwortungslos beobachten und die Welt einfach sein lassen bis man stirbt in der Kälte und die Schalen in der Brandung zerbröselt werden, funktionslos herumgewirbelt und auf den Strand geschleudert.
Vielleicht findet sie dort ein Kind und sammelt Muscheln in seinen Sandeimer. Was willst du mit dem Zeug, sagt abends ein gestresseter Vater, lass hier, du hast genug Spielzeug. Das Kind brüllt und will alles mitnehmen. Nein, sagt der Vater laut, das bleibt hier und jetzt komm!
Und eine neue Muschelschale schließt sich über den harmlosen Wünschen, die einfach nur hinderlich sind in der vernünftigen Welt der Erwachsenen, die eine Arbeit haben und Verantwortung und Kinder, die unvernünftige Dinge haben wollen, die nicht mal Geld kosten.
Das alles ist ohne jeden Sinn und doch geschieht dieses sinn-lose, bewusstlose Stehlen der ursprünglichen, einfachen, bizarren Wünsche täglich in dieser Welt, in der sich in kurzen Momenten manch einer fragt: Wozu? Und dann seufzend wieder zur Fernsehzeitung greift, schick essen geht, Wut auf den Chef hat und der Rente, die's dann nicht mehr geben wird, wieder einen Tag näher gekommen ist. 
Vor vierzig Jahren hieß es mal: UNTER DEM PFLASTER LIEGT DER STRAND. Und die, die das damals brüllten, sind heute vielleicht Ex-Minister, Abgeordnete im Europa-Parlament, Buddhismus-Lehrer, Psychotherapeuten oder gescheiterte Existenzen, die aus drei Ehen nicht mal Kinder haben.
Auf dem Friedhof der politischen Ideen ruhen verblichen sanft ihre - und auch unsere -  abgelegten Weltanschauungen.
Es tut gut, sich an die einfachen Wahrheiten zu erinnern: Im Sommer ist es warm, am Meer kann man Muscheln finden, im Winter ist es kalt und Sex wird immer ein Thema bleiben.

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Copyright Foto: Madeleine Weber
von sanfter-taenzer
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Dienstag, 8. januar 2008
Tiger-20485005.jpgNase völlig verstopft, Schreibtisch total zugemüllt, morgen ein Zahnarzttermin, die Aktienkurse fallen (wieder die falschen Papiere gekauft?!), Scheiben vom Auto zugefroren, Zahnbelag, ich krieg keine Luft, zu viel gegessen, zu wenig trainiert, dunkel ist es auch schon wieder, das Konto leer und die Gasrechnung noch nicht bezahlt.
Ja, ich hab wirklich die Nase voll.
Gestrichen.
Wie soll ich in diesem Zustand Tango-Unterricht geben?
Optimismus verbreiten auf der Abteilungsversammlung?
Ich brauche Luft!
... Freiheit!
... Reichtum!
... Liebe!
Ja! Liebe!
Her damit!
Liebt mich endlich!
Sonst schrei ich, ganz laut, hoch, kreische wie eine Sirene!
Ich brauch einen Eimer! Ich will mich auskotzen!
Zwiebelsaft trinken und Chilischoten kauen für die Aggression. Und dann holze ich los!
Keine Gnade! Freie Fahrt für meine Axt!
Ich diskutiere nicht mehr, ich stoße Kampfgebrüll aus. Ich schmeiße mit den letzten Tranquilizern nach den ersten Schmeißfliegen.
Die Tage werden länger, mein Atem wird kürzer. Es muss doch endlich was passieren.
Sonst werden die Politiker immer dreister, die Energieversorger immer unverschämter, der Winter immer wärmer. Ich werde immer älter und es geht nicht vorwärts, außer beim Benzinpreis.
Also Leute, hört auf zu grinsen! Fletscht die Zähne! Macht Drohgebärden!  Schmeißt mit Tomaten, Katzenkacke und Sargnägeln!
Vergesst die Bandscheiben, alle Vorfälle, grabt. Genau dort, wo ihr steht. Ja du! Du auch! Fang an, sonst ist es zu spät.
Der Stern von Bethlehem hängt in der Requsitenkammer, die Weihnachtsbäume werden am Samstag abgeholt. Die  heiligen drei Könige sind unbekannt verzogen und du, du denkst, es ist immer noch Weihnachten. Traumtänzer!
von sanfter-taenzer
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Mittwoch, 2. januar 2008
Tarot-DerGeh--ngte-Haindl-.jpgHaindl-Tarot: Der Gehängte

Wieder einmal fangen Gewissheiten, nein, besser: vermeintliche Gewissheiten, an, sich zu zersetzen. Nein, auch das ist Blödsinn. Wenn wirklich das Bewusstsein die Welt erschafft, fange ich an, sie zu zersetzen.
Alles läuft gerade zielgerichtet auf diesen Punkt zu, von überall her strömen entsprechende Informationen, die heute zusammengefasst waren in der Übung "Nur durch meine Gedanken werde ich beeinflusst".
Nein, nein natürlich kann das nicht sein. Habe ich doch nicht umsonst Jahre meines Lebens damit verbracht, mir wissenschaftliches Denken anzueignen, nachvollziehbare und überprüfbare Argumente logisch zu verknüpfen. All die Gläubigen waren mir hochgradig verdächtig. Mit dem Banner der Wissenschaft ritt ich gegen sie, und das war damals rot gefärbt. "Marx unser, der du schriebst das Kapital...", das war mein Mantra. Genauso mythologisch, unbeweisbar und fanatisch wie der Glaube meiner Widersacher. Der Highlander-Virus ("Es kann nur einen geben.") hatte auch mich infiziert und ich wusste nicht einmal etwas davon. Der Genesungsprozess ist langwierig, untergründig, voller Rückschläge und doch unaufhaltsam. Manchmal ist es eine erhebliche Zumutung, Gewissheiten zu verlieren und nicht zu wissen, was wahr und richtig ist.
Möglicherweise ist die Zumutung für meine Umgebung noch viel größer. Wenn meine Freundin zum Beispiel sagt: Liebe bedeutet, sich geborgen zu fühlen. Und das ist deine Aufgabe mir das zu vermitteln. Und wenn du das nicht tust, heißt das, du liebst mich nicht. Da weiß sie sehr genau, was wie sein soll. Und sie will auch, dass ich das gleiche denke.

Ich glaube dagegen, dass sie da einer gewaltigen Illusion anhängt, was ich nicht verurteile, denn ich hatte sie auch einmal. Und dann antworte ich ihr und sage, ich denke, dass Liebe das Gefühl absoluter Geborgenheit in einem gemeinsamen Grund ist und mit dem Verhalten meines Gegenübers gar nichts zu tun hat.  Wenn ich mich nicht liebevoll fühle, kann ich nicht für meine Bedürftigkeit jemand anderen verantwortlich machen.
Und dann wird sie wütend und wir haben einen schönen Neujahrs-Streit. Der große Fortschritt hierin ist, dass es mich nicht mehr unglücklich macht. Es ist halt so. Ich will kein Missionar mehr sein. Missionare wissen immer, welcher Glaube der richtige ist. Und ich habe die letzten Jahre gelernt, dass es auf etwas ganz anderes ankommt: Willst du Recht haben oder willst du glücklich sein? Ich entscheide mich - wenn immer ich die Kraft dazu habe - für das zweite. 
von sanfter-taenzer
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Dienstag, 1. januar 2008
Tarot-DerEremit-Crawley.jpg     
[Crawley-Tarot]                  
 
Eigentlich wäre ich diesmal am liebsten ins Kloster gegangen oder hätte einen Retreat zu meditativer Versenkung benutzt. Das hatte gar nichts mit Weltschmerz, Weltflucht usw. zu tun. Ich glaubte einfach, es könnte eine interessante Erfahrung sein, sich bewusst für einen Rückzug zu entscheiden. Aber meine Freundin hatte keine Lust dazu, also entschied ich mich anders. Da das Leben immer viele Möglichkeiten bereit hält, waren wir auf einer großen Fete. Eine Live-Band spielte zweieinhalb Stunden Funk und Soul, wir tanzten. Dann war es Mitternacht, draußen ging die Knallerei los. Es war schön anzuschauen, manche Leute schienen ein halbes Monatsgehalt in Feuerwerk investiert zu haben. Und danach zerbröselte alles. Als ob die gemeinsame Erwartung des Jahresendes eine kollektive Identität geschaffen hatte, die sich nun wieder zersetzte, individualisierte. Die Klotüren standen offen, die Müllsäcke quollen über, niemand fühlte sich verantwortlich dafür, den Müll auch in die Tüten zu werfen, manche fraßen aus den Schüsseln am Buffet per Hand, der Alkohol ließ Gesichter verquollen aussehen, die Quote blöder Sprüche ohne Witz und Unterhaltungswert stieg exponentiell. Und dann übernahmen Jugendliche die Herrschaft über Musikanlage und Tanzfläche. Für mich als Hobbytanzlehrer sehr strange - der Einblick in eine andere Kultur. Tanzen hieß: mit einer Pulle Bier in der Hand auf der Tanzfläche stehen und von einem Bein aufs andere treten wie ein gemütskranker Zirkusbär. Oder: sich wild zu etwas zu bewegen, das allein im Kopf des Tänzers existieren konnte, denn mit dem Rhythmus der Musik, die lief, hatte das nichts zu tun.
Es war genug, wir konnten nach Hause gehen.
In der S-Bahn gerieten wir in die Kommunikations-Territorien mehrerer Stämme. Der eine Stamm hörte Musik über die blechern näselnden Kleinstlautsprecher der Handys, andere Stammesangehörige telefonierten derweilen ununterbrochen, um die Route zur nächsten Fete zu ermitteln. Kennzeichen eines anderen Stammes waren Flaschen in den Händen der Mitglieder und alle schienen entschlossen, sich innerhalb kürzester Zeit noch mehr zu betrinken als sie es schon waren. Exzessives Rülpsen untermalte das Trinkritual, in das freimütig die anderen Fahrgäste durch Weiterreichen der Flasche einbezogen wurden.  Danach stießen wir auf einen dritten Stamm, der durch aggressiv herausgebelltes "PROST NEUJAHR" jeden und alle zu erwidernden Glücksformeln zwingen wollte.
Sehr viele hatten in dieser Nacht ihre Sau herausgelassen, es wimmelte nur so von Säuen.
Vielleicht wäre der Retreat doch sinnvoller gewesen?
von sanfter-taenzer
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Sonntag, 30. dezember 2007
Heute habe ich Hemden gebügelt. Das ist eine sehr meditative Tätigkeit, vor allem wenn man Musik von Sigur Rós dabei hört.  Dabei kommen mir unendliche Gletscherwüsten in den Sinn, auf denen sich ab und zu depressive Trolle paaren. Und Kinder, die ohne pädagogische Vorgaben an allerlei Lärminstrumenten und Synthesizern herumspielen durften. Dabei finden sie Melodien, machen auch einfach nur Geräusche und hyperaktiv sind sie keinesfalls.
Das ist alles irgendwie verrückt und elegisch und lässt den Gedanken viel Raum zum Umherschweifen. Dazu zischt das Dampfbügeleisen und ich erfahre die tiefe Befriedigung, aus einem verkrumpelten Stück Stoff ein glattes Hemd zu machen.
Lieblingshemd-DSC00231.JPGMein Lieblingshemd fällt mir ein, in dem sie mich kennengelernt hat. Es hat ein wirklich einzigartiges Design. Zehn Zentimeter breite Farbstreifen in verschiedenen Grün-, Türkis-, Hellblau- und Lilatönen sind auf dem Stoff in Gittermustern ausgerollt. Ich dachte, es wäre absolut einzigartig - bis ich bei Butter Lindner neben mir an der Käsetheke ein Frau stehen sah, die einen Rock mit exakt meinem Hemdenmuster anhatte.
Sie hat die Geschichte oft erzählt, wie sie mich in diesem Hemd im Flur meiner Wohnung stehen sah vor 16 Jahren. Ich liebte dieses Hemd in meinen Lieblingsfarben und ich liebte sie (unter anderem) dafür, dass sie es mochte. Es sind ja diese
sinnlosen Ähnlichkeiten, die uns Menschen sympathisch machen. Anfang letzten Jahres hat sie mich verlassen. Im Sommer ging das Hemd kaputt; der Kragen war irreparabel zerschlissen. Wie ihre Bereitschaft mit mir zu leben.
Doch die Farben des Hemdes leben weiter. Ihre neue Existenzform ist unter www.kreativ-schreiben.info zu sehen.
Aus was für irrationalen Gründen auch immer, es befriedigt mich, dass etwas, das Bedeutung hatte, weiter existiert und eine neue Bestimmung bekommt. Bestimmt ist das der Grund, warum Menschen an Reinkarnation glauben.

Ich habe ein neues Lieblingshemd gefunden, es hat zarte Längsstreifen in hellem Türkis auf weißem Grund und das unterste und das zweitoberste Knopfloch sind mit rotem Faden umsäumt. Dazu gibt es noch keine Geschichte zu erzählen. Ich werde jetzt weiter Hemden bügeln.
von sanfter-taenzer
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Sonntag, 30. dezember 2007
IM000065bearb.jpgCopyright: Antje K. Fucks 2002

Heute hat uns ein Engel berührt.

Dieses "wir" ist verletzt von einer schwierigen Geschichte...
Wie nennt man es, wenn zwei sich mit besten Absichten und - zugegeben - allen Illusionen des rosaroten Himmels zusammentun und am Ende steht eine Kette bitterer Perlen voller Vergeblichkeit, Wut, Verzweiflung und Not? Wie nennt man es, wenn aus der Schale der großen Liebe am Ende ein Haufen Tonscherben wird?

In Großstädten wird jede zweite Ehe geschieden, nennen es die Sozialstatistiker.

"Systeme kann man nicht küssen", sagte ein ironisch-selbstkritischer Systemtheoretiker. Kann man sich von Zahlen trösten lasssen?

Nein, Trost spenden Engel, doch man weiß nicht, wann sie kommen. Man kann sie nicht herbeizwingen. Man braucht eine kleine Bereitschaft, sie kommen zu lassen. Die Medizin heißt Vergebung.

Wenn du dazu bereit bist, kannst du das Gold unter dem Trümmerhaufen finden.

von sanfter-taenzer
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Freitag, 28. dezember 2007
Viele, zahlreiche, unzählige Spuren, eine Menge hat sich abgedrückt, verewigt in diesem Jahr. Es leuchtet. Es ist bunt.
Ja, natürlich, macht das sprachlos. Das  Leben - so prall aus einzelnen Tropfen geformt. Viel überlagert sich, wird mehrfarbig, vielschichtig.
Ich liebe das Uneindeutige, wenn sich die Fragmente der Erfahrung zu immer neuen Realitäten ordnen, wenn es viele Möglichkeiten gibt und keine macht angst. Wenn mich Vielfalt nur wenig verwirrt, sondern inspiriert. Wenn Spuren im Sande verlaufen, schwächer werden, ausdünnen und das ist nicht bedrohlich.
Alles fängt irgendwo an. Alles hört irgendwo auf. Die Zeitpunkte sind beliebig, die Zeitverläufe sind Entscheidungen, die ich treffe. Die Pfauenfeder sieht immer wieder anders aus, je nach Licht, nach Tageszeit, nach Stimmung.
Meine Füße sind kalt, meine Hände eiskalt. Das ist kein Grund zu leiden, sondern, sich warm zu machen. Das würde Rohrschach gerne sehen. Rohrschach ist Psychiater. Psychiater haben Ahnung und entwickeln Testverfahren. Doch die sind völlig beliebig. Der Patient sieht bei jedem Bild nur schwarz. Ist er depressiv? Gar suizidal?
Nein, er ist farbenblind. Er hat sich mit fünf Jahren dafür entschieden, weil er die scheußlichen Haarfarben seiner Mutter nicht mehr sehen mochte. Das hat sie gerettet; sonst hätte er sie umgebracht.

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Abtönfarbe auf Papier, Schreibimpuls im Schreibkurs "KreativExperimente - Neue Schreibgruppe gegen Herbst- und Winterdepression" in Tegel (2007-12-27). Copyright: Rainer M. Halmen

Ich erkenne in diesem Bild ganz klar einen Fötus. Weiblich. Das entspricht der Wirklichkeit, die sich im Mai realisieren wird. Ein sehr buntes Wesen in einer bunten Welt. So soll es sein für meine Enkelin. Zum bunten Großvater habe ich mehr Talent als zum Großvater, Standardmodell. Damit freunde ich mich an. Mein Mutterkuchen ist lange gegessen und wieder erbrochen. Es geht auch anders - sagt diese bunte Welt. Sie sagt Vielfalt und Freude und Anmut und pulsierendes Leben. Kein Abdruck ohne Bedeutung.
von sanfter-taenzer
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Freitag, 28. dezember 2007
...wird für jeden etwas anderes sein. Manche finden sich, erkennen sich am Aufblitzen der Augen, einem schnellen Lächeln, einer kaum wahrnehmbaren, zarten Geste.  Und wissen:  die  gehören auch dazu.
Man freut sich. Doch worüber?Tarot-Liebe2K-Haindl.jpg
Gerade jetzt, in diesem Moment, in dem an einem trüben Dezembertag ein Mann mit einem Irish Setter am Gartenzaun vorbeigeht, trifft sich mein Lächeln mit seinem. Und das trübe Wetter verschwindet, die Welt löst sich im Lächeln auf wie ein Stück Butter in heißer Sauce hollandaise.
Das dauert eine Ewigkeit lang - das verbraucht fünf Sekunden.
Der Geschmack des Tages hat sich verändert. Zwei haben sich gefunden in einem, das alles ist. Ein kurzer Moment, Aufblühen einer zarten Ahnung, Gewissheit mit festem Fundament: Wir sind alle eins in dem, was man Liebe nennen könnte.

Haindl-Tarot: 2 Kelche "Liebe"
von sanfter-taenzer
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Über diesen Blog

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  • : sanfter-taenzer
  • sanfter-taenzer
  • : männlich
  • : 3/08/1948
  • : Berlin
  • : Lest - und ihr werdet mich erkennen. Oder vielleicht doch euch? Verwirrt? Gut, damit fangen neue Möglichkeiten an.

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