Eigentlich wäre ich diesmal am liebsten ins Kloster gegangen oder hätte einen Retreat zu meditativer Versenkung benutzt. Das hatte gar nichts
mit Weltschmerz, Weltflucht usw. zu tun. Ich glaubte einfach, es könnte eine interessante Erfahrung sein, sich bewusst für einen Rückzug zu entscheiden. Aber meine Freundin hatte keine Lust dazu,
also entschied ich mich anders. Da das Leben immer viele Möglichkeiten bereit hält, waren wir auf einer großen Fete. Eine Live-Band spielte zweieinhalb Stunden Funk und Soul, wir tanzten. Dann war
es Mitternacht, draußen ging die Knallerei los. Es war schön anzuschauen, manche Leute schienen ein halbes Monatsgehalt in Feuerwerk investiert zu haben. Und danach zerbröselte alles. Als ob
die gemeinsame Erwartung des Jahresendes eine
kollektive Identität geschaffen hatte, die sich nun wieder zersetzte, individualisierte. Die Klotüren standen offen, die Müllsäcke quollen über,
niemand fühlte sich verantwortlich dafür, den Müll auch in die Tüten zu werfen, manche fraßen aus den Schüsseln am Buffet per Hand, der Alkohol ließ Gesichter verquollen aussehen, die
Quote blöder Sprüche ohne Witz und Unterhaltungswert stieg exponentiell. Und dann übernahmen Jugendliche die Herrschaft über Musikanlage und Tanzfläche. Für mich als Hobbytanzlehrer sehr strange -
der Einblick in eine andere Kultur. Tanzen hieß: mit einer Pulle Bier in der Hand auf der Tanzfläche stehen und von einem Bein aufs andere treten wie ein gemütskranker Zirkusbär. Oder: sich wild zu
etwas zu bewegen, das allein im Kopf des Tänzers existieren konnte, denn mit dem Rhythmus der Musik, die lief, hatte das nichts zu tun.
Es war genug, wir konnten nach Hause gehen.
In der S-Bahn gerieten wir in die Kommunikations-Territorien mehrerer Stämme. Der eine Stamm hörte Musik über die blechern näselnden Kleinstlautsprecher der Handys, andere Stammesangehörige
telefonierten derweilen ununterbrochen, um die Route zur nächsten Fete zu ermitteln. Kennzeichen eines anderen Stammes waren Flaschen in den Händen der Mitglieder und alle schienen entschlossen,
sich innerhalb kürzester Zeit noch mehr zu betrinken als sie es schon waren. Exzessives Rülpsen untermalte das Trinkritual, in das freimütig die anderen Fahrgäste durch Weiterreichen der Flasche
einbezogen wurden. Danach stießen wir auf einen dritten Stamm, der durch aggressiv herausgebelltes "PROST NEUJAHR" jeden und alle zu erwidernden Glücksformeln zwingen wollte.
Sehr viele hatten in dieser Nacht ihre Sau herausgelassen, es wimmelte nur so von Säuen.
Vielleicht wäre der Retreat doch sinnvoller gewesen?