Sonntag, 24. februar 2008


Die Adern an ihren Unterarmen treten hervor, sehnig, kraftvoll. Wenn sie lacht, wirft sie den Kopf nach oben und macht sich größer. Wie ein Hahn, denke ich. Sie ist klein und kommt von dieser kleinen Insel, weit weg in der Karibik. Sie lacht und entblößt große, erotische Zähne.

Es gibt Frauen, die erotische Zähne haben. Viele finden es komisch, wenn ich das sage und lachen unsicher. Wenn es sexy Beine, dralle Schenkel und erotische Brüste gibt, warum sollte es nicht erotische Zähne geben können?

Eine meiner Freundinnen hatte einen schiefen Schneidezahn, den ich ungeheuer sexy fand. Wenn sie lachte, zog dieser Zahn meine Blicke unweigerlich an und ich liebte sie wieder mehr. Doch das war nicht genug; wir trennten uns trotzdem. Später sah ich sie wieder. Ein Lover hatte ihr eine Zahnkorrektur bezahlt. Der Reiz war weg, gähnende Regelmäßigkeit, sie war eine normal-langweilige Frau mit regelmäßigen Zähnen geworden. Sie trauerte einer Vergangenheit nach, die nie eine Zukunft hatte. Klagend schleppte sie sich durchs Leben, rauchte übermäßig und trank schon Mittag Weißwein. Später stürzte sie völlig ab und war mit jemand liiert, der sich selbst als schweren Alkoholiker bezeichnete. Und dann kam die Zeit, als sie nur noch verzweifelt war und vom Hausdach sprang. Ihr sind die Korrekturen nicht gelungen. Ich schreibe meine Autobiografie, hatte sie mir irgendwann erzählt. Vielleicht ist sie gesprungen, als es nichts mehr zu erzählen gab. Das Ende der Erzählungen mag das Ende des sinnvoll gelebten Lebens sein. Wenn es nichts mehr zu erzählen gibt, mag man nicht mehr leben. Und andere erzählen die Geschichte weiter – so wie jetzt ich.

Ich habe noch eine Menge Geschichten zu erzählen. Wie die von der kleinen Frau im braunen Tweed-Hosenanzug, die beim Lachen breite, sinnliche Lippen zurückzieht und große erotische Zähne entblößt. Das gilt nicht als schamlos. Und doch – jeder, der es sehen und spüren kann, weiß sofort, das ist Verlockung, das ist ein eindeutiges Angebot, darin steckt prallere Sinnlichkeit als in der sterilen Nacktheit von Models. Es gabe eine Zeit, da  beschrieb die heute vergessene Wendung „steiler Zahn“ eine scharfe Braut. Dieses Wissen ist vergessen worden. Es wird Zeit, dass wir uns daran erinnern. In den Zähnen steckt Kraft, Macht, Sinnlichkeit.

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von sanfter-taenzer
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